Erstes Ökologieforum in Amed

Die Natur – die Grundlage allen Lebens – gegen profitsüchtige Konzerne und Staaten verteidigen

Ercan Ayboğa, Initiative zur Rettung von Hasankeyf

Am 29. und 30. Januar 2011 fand in Amed (Diyarbakır) das erste Ökologieforum statt. Organisiert wurde es vom Mesopotamischen Sozialforum (MSF), das sein erstes allgemeines Forum im September 2009 in Amed (Diyarbakır) unter großem Zuspruch abhielt und seitdem kontinuierlich weiterarbeitet.
Am Ökologieforum nahmen insgesamt zwischen 500 und 800 AktivistInnen und Interessierte aus allen Teilen der Gesellschaft teil. Sie kamen nicht nur aus Kurdistan,

sondern auch aus der Türkei, Palästina, Irak, Mexiko und Ecuador, womit auch internationale Perspektiven in die Diskussionen einflossen. Zwei Tage lang wurde zumeist in Dutzenden Workshops diskutiert und Erfahrungen wurden ausgetauscht.

Die große Teilnahme an einem Forum, das sich mit ökologischen Fragen auseinandersetzt, in einem teils noch von feudalen Strukturen und großer Armut geprägten Land zeigt, dass das von der kurdischen Freiheitsbewegung aufgestellte Paradigma der „demokratisch-ökologischen Gesellschaft“ schon in der Gesellschaft Fuß gefasst hat. Als 2004 dieser Begriff aufgeworfen wurde, fehlte zunächst die inhaltliche Ausfüllung auf den verschiedenen Ebenen des Freiheitskampfes. Mit der Zeit konnte die nach Freiheit strebende kurdische Bevölkerung in den Kommunen, in ihren zivilen Organisationen und auf dem Land erste Projekte in Angriff nehmen und somit diesem Paradigma erste Konturen verschaffen.

Auf Kurdisch, Türkisch, Englisch und Spanisch wurden die TeilnehmerInnen des vielleicht ersten Ökologieforums im Mittleren Osten überhaupt begrüßt. Der MSF-Koordinator Tuncay Ok ging in der Eröffnungsrede gleich auf den durch den Kapitalismus geförderten Nationalismus ein, welcher seit Jahrhunderten die menschlichen Gesellschaften gegeneinander aufhetzt und sich bekriegen lässt. Dies ermöglicht ihre anhaltende Repression und Ausbeutung. So werden im Mittleren Osten vor allem die natürlichen Ressourcen Wasser, Öl, Gas und andere Mineralien durch die regionalen Staaten in Zusammenarbeit mit dem internationalen Kapital ausgebeutet.
Zum Ökologieforum kamen auch die AktivistInnen der bestehenden sozial-ökologischen Bewegungen, wobei die staudammkritischen Bewegungen an den zwei Tagen im Vordergrund standen. Sie wirkten schon im Vorbereitungskomitee mit, wie zum Beispiel die AktivistInnen von der Initiative zur Rettung von Hasankeyf, der Munzur-Natur-Initiative, dem Cilo-Naturverein Colemêrg (Hakkari). Aber auch drei Aktivis­tInnen der „Hände weg von meiner Ebene Pazarcik-Narli“ aus Mereş (Maraş) waren anwesend, die zum ersten Mal in einem größeren Rahmen mit anderen kurdischen Öko-AkivistInnen zusammenkamen. Das Ökologieforum hatte somit den wichtigen Aspekt, dass es die Öko-AktivistInnen zusammenbrachte. Dieses Bild wurde durch mehrere türkische und internationale AktivistInnengruppen bereichert.

Im Forum wurde auch diskutiert, dass neben den bestehenden und geplanten Staudämmen und Wasserkraftwerken außerdem der Bergbau (z. B. Abbau von Gold durch den Einsatz von Zyankali), die industrielle Landwirtschaft (sowohl die groß angelegte Bewässerung als auch genetisch veränderte Samen) und das systematische Abbrennen von Wäldern durch die türkische Armee große Gefahren für die Landschaft Kurdistans und des Mittleren Ostens darstellen. Dieser Punkt ist insofern wichtig, als langsam das Bewusstsein entsteht, dass die Natur – die Grundlage allen Lebens – gegen profitsüchtige Konzerne und Staaten verteidigt werden muss.

In zwei Dutzend Workshops an zwei Tagen wurden viele Aspekte der ökologischen Zerstörung und Ausbeutung durch Staaten, Unternehmen und Kriege, der Entfremdung des Menschen von der Natur, der Auswirkungen der Ausbeutung von Menschen auf die Ausbeutung der Natur und Perspektiven für eine Neugestaltung der Gesellschaft diskutiert. Unter Perspektiven wurden auch Beispielprojekte in Vorträgen dargestellt und auf die anzuvisierende Harmonie mit der Natur hingewiesen.

Das Ökologieforum fand am Nachmittag des 30. Januar 2011 seinen Abschluss in der „Versammlung der Ökologiebewegungen“, wo die Abschlusserklärung nach Diskussion angenommen wurde. In dieser Abschlusserklärung wird zunächst die Ablehnung des machtzentrierten Neoliberalismus, aber die ganzheitliche Betrachtung der komplexen Beziehungen zwischen allen Komponenten des menschlichen, pflanzlichen und tierischen Lebens hervorgehoben. Darauf aufbauend wird das Recht auf Zugang zu natürlichen Ressourcen für alle Lebewesen als Lebensrecht betrachtet. Aus Sicht der menschlichen Gesellschaften sollten somit die Menschenrechte um die Rechte des Zugangs zur Natur erweitert werden.

In der Abschlusserklärung wird konkret gefordert:

– Verbot von chemischen Waffen und Minen. In diesem Sinne sollten alle Minen in den kurdischen Provinzen der Türkei geräumt werden.
– Die Ablehnung von sogenannten transgenen Pflanzen und Lebensmitteln muss zuhause bei jedem/jeder anfangen, indem sie nicht eingekauft werden.
– Aufgrund des gestiegenen Lebensmittelpreises und der Qualitätsverschlechterung von Lebensmitteln sollten Formen und Techniken entwickelt werden, damit Gemeinschaften auf dem Land und in der Stadt sich möglichst selbst versorgen können.
– Die heutige Technologie steht ganz im Dienste des Kapitalismus. Doch sollte sie so entwickelt werden, dass sie zur Harmonie zwischen Mensch und Natur beträgt.
– Die erneuerbaren Energien sollten im Bewusstsein der Gesellschaft gestärkt und sozial-ökologisch verträgliche Städte entwickelt werden, wozu auf die Topographie und das Klima geachtet werden sollte.
– Die in den Regionen Marmara, Ägäis und Schwarzes Meer gebauten Wasserkraftwerke tragen mit der Vertreibung von Menschen zur Vernichtung der kulturellen Vielfalt bei. Die wichtigste Ressource des Lebens, das Wasser, wird kommerzialisiert und den Menschen weggenommen, die Natur und das kulturelle Erbe in den so wichtigen Tälern werden zerstört. Das Gleiche gilt für Staudämme, nur dass sie Konflikte auch auf internationaler Ebene verursachen.
– Wasser bedeutet Fruchtbarkeit, Wohlstand und die Quelle aller Lebewesen. Es bringt die verschiedenen Menschengruppen dazu, gemeinsam zu verwalten und gerecht zu verteilen. Den steigenden Druck auf die Wasserressourcen sehen die Herrschenden als eine Gelegenheit, ihre Hegemonie über die Menschen auszuweiten.
– Die von Israel unterdrückten PalästinenserInnen erfahren das Wasserproblem am stärksten im Mittleren Osten. Denn ihr Zugang zum Wasser wird ihnen erheblich verwehrt und das Wasser in israelische Siedlungen weitergeleitet. Wasser spielt im paläs­tinensisch-israelischen Konflikt eine immer wichtigere Rolle.
– Weil praktisch der ganze Mittlere Osten ausgebeutet wird, ist es um so notwendiger, dass die Menschen dieser Region sich mittels direkter Demokratieformen das gesellschaftliche Leben kollektiv neu gestalten, wozu keine ExpertInnen, RepräsentantInnen und BürokratInnen gebraucht werden. Dies ist der Weg zur Freiheit.
– Die kapitalistische Modernität, die die Frau von der Natur loslöste und das staatlich-herrschaftliche Denken den Menschen aufdrückte, muss bloßgestellt werden. Die kompletten Rechte der Frauen und der Natur müssen anerkannt und in die Verfassungen aufgenommen werden.
– Die Arbeitsbedingungen der SaisonarbeiterInnen sind die schwersten der Türkei, wozu der Neoliberalismus der 1990er Jahre und die millionenfache Vertreibung der KurdInnen erheblich beigetragen haben. Ihre extreme Ausbeutung muss schnellstens eingeschränkt und ihre Lage mit anderen ArbeiterInnen gleichgestellt werden.
– Militarismus und Gewalt müssen grundsätzlich abgelehnt werden, auch weil sie zur verstärkten Zerstörung der Ökosys­teme führen.
– Die Sprache ist wegen ihrer Rolle als Kommunikationsins­trument ein organisches Phänomen. Alle Menschen und Lebewesen haben Kommunikationssprachen, die Sprache ist mit der Natur eins. Deshalb müssen alle Hindernisse zur Nutzung der Sprache aufgehoben werden.