Filmemacherinnen der Guerilla
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Eine freie Kunst kann nur in der Revolution und mit der Revolution geschaffen werden
Şervin Nûdem sprach mit Jinda Baran und Dersim, Filmemacherinnen der Guerilla, über
revolutionäre Kunst und die Arbeit am Film
Wie hat sich die Filmarbeit hier in den Bergen entwickelt?
Jinda: Unsere Arbeit begann im Jahr 2001. Den Grundstein der Filmarbeit in der Guerilla legte Halil Dağ. Er hat sehr viele Freunde und Freundinnen in der Filmarbeit ausgebildet. Einige dieser SchülerInnen sind noch unter uns. Wir versuchen hier, seine Arbeiten fortzusetzen. Halil förderte insbesondere Frauen in dieser Arbeit sehr, weil er daran glaubte, dass Frauen die Kunst weiterentwickeln würden.
Wir setzen diese Arbeit fort, weil die Kinofilmarbeit in den Bergen sehr vieles zum Ausdruck bringen kann. Das kurdische Kino ist noch in einer sehr schwachen Position, es entwickelt sich gerade erst neu. Es gibt zwar einige kurdische RegisseurInnen, die versuchen, etwas zu machen. Aber sie konzentrieren sich nicht auf die Situation der kurdischen Bevölkerung, setzen sich nicht wirklich mit ihr auseinander. Ihre Absicht ist es nicht, eine neue kurdische Gesellschaft aufzubauen. Halil sagte einmal, wenn es kein freies Land, keinen freien Raum und keine freien Menschen gibt, dann kann es auch keine freie Kunst und Kultur geben. Deswegen können wir diese Voraussetzungen nur in den Bergen schaffen. Eine freie Kunst kann nur in der Revolution und mit der Revolution geschaffen werden. Wir haben diese Arbeit nicht auf filmwissenschaftlicher Grundlage begonnen. Halil war zu Anfang auf Fotografie spezialisiert und hatte als Kameramann für das kurdische Fernsehen gearbeitet. Er hat sich all sein Wissen und Können selbst erarbeitet. Für ihn war es wie eine Leidenschaft, wie eine Liebe, und das haben wir unter uns weiterentwickelt. Niemand von uns hatte zuvor eine besondere Ausbildung oder eine Filmschule besucht. Aber wenn heute welche kommen, die Filmkunst studiert haben und uns bei der Arbeit zuschauen, dann sind sie sehr erstaunt. Sie stellen fest, dass sie vieles von uns lernen können. Generell arbeiten wir mit einer einzigen Kamera. Wir haben hier keine Studios oder so. Unsere Umgebung, unsere Kulissen, unsere SchauspielerInnen sind die Berge, die Bäume, die Steine. Über sie versuchen wir, uns auszudrücken. Wir versuchen mit einer einzigen Kamera einer Seele Ausdruck zu verleihen. Und wir glauben daran: Hier findet seit dreißig Jahren ein revolutionärer Kampf statt. Menschen, die von außerhalb kommen oder all dies nicht erlebt haben, können die Wirklichkeit hier niemals richtig erfassen. Sie können die Geschichte der kurdischen Kinder hier in den Bergen nicht verstehen, oder mit den Worten von Halil: „Wir müssen die Geschichte all dieser mutigen kurdischen Kinder in den Gesellschaften bekannt machen.“ Das ist für uns eine Aufgabe, der wir uns verpflichtet fühlen. Daraus schöpfen wir unsere Kraft. Ansonsten ist die Sprache unserer Filme die Sprache der Berge. Berge sind verschlungen, verwinkelt, steil, manchmal matschig. Also, wir verleihen der Seele der Berge einen bildlichen Ausdruck. Die einzige Technik, die wir – außer einer Kamera – benutzen, ist der Mensch. Wir sind ein Team, wir arbeiten zusammen als Gruppe. Dersim und ich arbeiten seit sieben Jahren zusammen mit zwei weiteren FreundInnen. Vorher war die Gruppe noch größer, aber einige FreundInnen sind mittlerweile gefallen.
Könnt ihr uns über euer aktuelles Projekt erzählen?
Jinda: Der Film, den wir gerade drehen, handelt von vier KurierInnen. Mit dem Film „Wege“ wollen wir die Argumente für unsere Wege, für unsere Ideologie erklären. In der Guerilla ist es die Aufgabe der KurierInnen, die Verbindung zwischen verschiedenen Gebieten aufrechtzuerhalten und die Guerillagruppen von einem Gebiet ins andere zu bringen. Auf diesen Wegen erleben sie vieles und müssen oft Schwierigkeiten überwinden. Die KurierInnen haben in unserer Revolution eine sehr große Rolle gespielt. Es ist die Geschichte von vier FreundInnen, die als KurierInnen gearbeitet haben und jetzt gefallen sind. Wir versuchen, das, was sie erlebt haben, in unserem Film darzustellen.
Ist das euer erstes Filmprojekt?
Jinda: Das ist nicht unser erster Film. Es gab andere Filme, in denen ich zuvor auch schon Regie führte. Aber damals unterstützte uns Halil dabei. Es ist jetzt das erste Mal, dass wir als Frauen ein solches Unterfangen begonnen haben. Es ist sehr schwer, die Verantwortung dafür zu tragen. Es ist nicht so wie bei anderen Filmproduktionen, dass du ein großes Filmteam zur Verfügung hast. Du fängst mit allem bei null an, machst alles selbst. Du trägst selbst deine Ausrüstung durch die Gegend, kletterst selbst auf die Berge, schlägst dein Camp auf. Also, du musst alles selbst vorbereiten. Zum Beispiel sind die SchauspielerInnen zugleich auch BeleuchterInnen. Dann muss auf einmal jemand weg und eine andere Aufgabe erledigen. Aber dann in der gleichen Minute muss die Person wieder in ihre Rolle schlüpfen und weiterspielen. So arbeiten wir auf diese Weise unter schwierigen Bedingungen. Wir sorgen für unsere eigene Verpflegung und Sicherheit, denn wir sind Guerillas, wir sind keine FilmschauspielerInnen. Wir organisieren unser Leben wie alle FreundInnen in der Guerilla auch. Es kann auch Situationen geben, in denen wir kämpfen müssen. Und wie alle im Krieg verletzt oder getötet werden können, so gilt das auch für uns und unsere Arbeit im Filmteam. Wir sind ein Teil des Lebens in den Bergen hier, nicht davon losgelöst. Unsere Arbeit ist ein Produkt des Guerillalebens.
Wie seht ihr eure Aufgabe beim Film?
Dersim: Ich bin selbst noch eine Anfängerin hier und bilde mich noch weiter. Sowohl als GuerillakämpferInnen als auch in der Filmarbeit begreifen wir uns selbst noch als SchülerInnen. So wie wir als Frauen eine Führungsrolle in dieser Revolution spielen, so gilt das auch für den Bereich der revolutionären Kunst und Kultur. Halil war einer unserer Lehrer, der uns darin sehr bestärkte. Das ist sozusagen das Erbe, an das wir anknüpfen. Das System kann niemals unsere Vorstellungen, unsere Gefühle und unsere Wünsche zur Sprache bringen, denn das System zielt darauf ab, unsere Träume und Utopien zu zerstören. Deswegen begreifen wir Kunst und Kultur als ein wichtiges Mittel, unseren Träumen und Wünschen Ausdruck zu verleihen und am Aufbau einer freien Gesellschaft mitzuarbeiten. Wir sehen unsere Kunst als einen Gegenpol zu dem reaktionären System und der Rückschrittlichkeit in unserer kurdischen Gesellschaft. Das Niveau, das unsere Kulturarbeit erreicht, ist ein Ausdruck des Niveaus unseres Frauenbefreiungskampfes. Die Berge sind für uns ein Ort, an dem wir uns zurückziehen können und uns intensiv gedanklich auseinandersetzen können. Sie bieten uns die Basis und den Nährboden für unsere Filmarbeit. Denn das kapitalistische System benutzt den Kinobereich sehr stark, um ihn gegen die Gesellschaft einzusetzen. Deswegen ist es für uns notwendig, dass wir selbst in diesem Bereich aktiv werden und ihn in den Dienst der Unterdrückten stellen. Wir wollen diesen Bereich im Einklang mit den Zielen unserer Revolution gestalten. Wir haben eine Weltanschauung. In der Person Halils hat unsere Filmarbeit eine eigene, unabhängige Linie entwickelt. Von Anfang an haben wir als revolutionäre Frauen in diesen Arbeiten unsere eigene Farbe eingebracht, unsere eigene Vorgehensweise entwickelt. Diese Linie stellt eine Alternative zum bestehenden Kino dar und grenzt sich ganz klar davon ab. Wir sind überzeugt, dass wir eine neue Sprache des Films hervorgebracht haben.
Wie weit ist der Film, an dem ihr derzeit arbeitet?
Jinda: Wir wollten diesen Film eigentlich im Frühjahr 2010 drehen. Aber da hat es einige spezielle Schwierigkeiten gegeben. Ihr kennt das vielleicht, wenn wir als Frauen in der revolutionären Arbeit eigene Projekte umsetzen wollen, bedeutet das einige Mühen und Anstrengungen. Eine Frau muss doppelt so viel kämpfen, um etwas durchsetzen zu können. So sehr wir uns auch in einer Revolution befinden und es für uns Kriterien der Freiheit gibt, anhand derer wir unser Leben und unsere Arbeit gestalten, so gibt es manchmal doch Schwierigkeiten bei deren Umsetzung. Wir wollten ja im Frühjahr mit den Dreharbeiten beginnen. Im Frühjahr ist die Landschaft Kurdistans unbeschreiblich schön. Aber bis wir dieses Projekt durchsetzen konnten, ist es jetzt Herbst geworden. Ein Viertel der Dreharbeiten haben wir bis jetzt machen können. Ich hoffe, wir bekommen den Film fertig, bevor der Schnee fällt.
Wie bestimmt ihr den Inhalt eurer Filme?
Jinda: Wir verfolgen die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse und fragen uns, was gebraucht wird. Aber zu Anfang war es nicht so. Die ersten Filme waren Erlebnisse und Erinnerungen aus der Guerilla. Zum Beispiel der Film „Tirej“, das war unser erster Film. Der ist auch in den Kinos gezeigt worden. Seine Geschichte ging auf den Freund Tirej zurück. Er hatte während eines Gefechts die ganze Zeit über bis zum Schluss weiter an seinem Tagebuch geschrieben. Am Ende seines Tagesbuches schrieb er: „Es gibt einen Freund, der heißt Halil Dağ. Wenn ich getötet werden sollte, dann übergebt ihm mein Tagebuch.“ So hat Halil mit der Kinofilmarbeit begonnen. Ansonsten wäre ihm nicht durch den Kopf gegangen, dass so etwas unter den Bedingungen in den Bergen möglich sein könnte. Aber er hatte sich in den Kopf gesetzt, dass er das Vermächtnis, das Tirej ihm hinterlassen hatte, würdigen wollte und einen Film machen wollte, der die letzten Momente vor dem Tod des Freundes festhalten sollte. Unsere Geschichten sind alle so. Sie beginnen mit einem Gefühl. Zuerst standen die Erinnerungen und das Leben der Guerilla auf unserem Programm, aber die Entwicklungen gehen weiter. Die Revolution findet im kulturellen, politischen und sozialen Bereich statt und dementsprechend gucken wir, welche Themen wichtig sind. Wir überlegen, wie wir durch eine Geschichte neue Denkanstöße geben können. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt hatten wir nur die Möglichkeit, Filmaufnahmen in den Bergen bei der Guerilla zu machen. Da die Bedingungen nichts anderes zuließen, konnten wir uns nicht in die Gesellschaft, in die Dörfer oder Städte begeben. Aber jetzt sind langsam Orte entstanden, an denen die Guerilla und die Gesellschaft gemeinsam leben und arbeiten können.
Unsere Revolution ist nicht weit von der anarchistischen und feministischen Revolution entfernt. Ich selbst habe die Überzeugung, dass feministische und anarchistische Kräfte eine wesentliche Rolle beim Aufbau einer neuen Gesellschaft spielen werden. Unsere antikapitalistische, antiimperialistische, antipatriarchale, gegen jegliche Herrschaftsform gerichtete Ideologie ist so etwas wie Anarchismus. Nicht alle, die zur Guerilla kommen, sind automatisch freie Menschen. Es ist ein Kampf innerhalb dieser Revolution. Das Bewusstsein hierüber haben auch wir erst in dieser Revolution gewonnen.
Halil Dağ (Halil Uysal) (1973–2008), kurdischer Filmemacher, s. Kurdistan Report Nr. 137, S. 41ff.






