Interview mit Leyla Hassan
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Ostkurdistan/Iran: Unsere Aufgabe ist, ein politisches Bewusstsein unter den Menschen aufzubauen
Emma Sterk sprach mit Leyla Hassan über die Arbeit der PAJK [Partei der Frauenbefreiung Kurdistans] im Iran. Leyla Hassan ist 34 Jahre alt. Sie kommt aus Südwestkurdistan, das im syrischen Staatsgebiet liegt, wo sie sich 1991 der kurdischen Befreiungsbewegung anschloss.
Wie sah die Situation damals in Syrien aus? Wie war die Bewegung dort vertreten?
Ich lernte die kurdische Bewegung 1988 kennen.
Damals organisierte und verbreitete sich die kurdische Befreiungsbewegung in Syrien neu. Auch in dem Gebiet, in dem ich lebte. Zuvor war sie schon in den Zentren wie in Damaskus oder im Libanon vertreten, aber die Organisierung in dem Gebiet von Cizîre, das nah an der türkisch-syrischen Grenze liegt, fing in den Jahren 1987, 1988 an.
Sie war damals klandestin und nicht sehr breit. Doch es gab eine große Begeisterung, weil es etwas Neues war. Obwohl es noch einige andere reformistische Parteien gab, war die PKK für uns etwas Anderes. Sie besaß eine große Anziehungskraft. Sowohl ihr Vorsitzender Apo als auch die Bewegung an sich, d. h. die Verhaltensweisen, das Auftreten und die Arbeit der Kader, waren anders. Deswegen hinterließ die Bewegung bei uns einen tiefen, emotionalen Eindruck. Auf diese Weise lernte ich sie in jungem Alter kennen und 1991 habe ich mich dann der Bewegung als Kaderin angeschlossen. In dieser Zeit breitete sie sich immer weiter aus.
Wie hast du dich dann angeschlossen?
In dieser Zeit erregte der Anschluss von Frauen an die Bewegung viel Aufsehen, denn bei den anderen kurdischen und reformistischen Bewegungen hatte es so etwas nicht gegeben. Frauen konnten dort nicht aktiv an den Arbeiten teilnehmen oder Peschmerga werden. Zuvor hatte es in unserer Region schon eine gewisse patriotische Tradition gegeben. Die ging auf den Einfluss der kurdischen Parteien aus dem Irak [Südkurdistan] zurück. Darüber war so etwas wie ein Bewusstsein über die kurdische Kultur und Identität entstanden. Was aber bei der PKK besondere Aufmerksamkeit erregte, war die Tatsache, dass viele Frauen teilnahmen. Außerdem hatte es den großen Gefängniswiderstand gegeben, wie den Widerstand von Mazlum Doğan, Hayri Durmuş und Kemal Pir im Gefängnis von Amed (Diyarbakır). Dessen Einfluss war sehr, sehr groß. Zum anderen war ich von der Persönlichkeit Abdullah Öcalans sehr beeindruckt. Seine Worte und sein Führungsstil waren etwas Großes. Sie standen im Gegensatz zu der Autorität der alten Ağas, die in Kurdistan über ihre Stämme herrschten. Er hatte vielmehr eine sehr verbindende, bescheidene und solidarische Art. Er versuchte alle Menschen, insbesondere Frauen, einzubeziehen. Alle konnten unter diesem Dach ihren Platz einnehmen. Seinen Charakter und seine Eigenschaften fand ich sehr anziehend. Er dachte nie an seinen eigenen Vorteil oder Profit, wobei er Kurden und Kurdinnen aus allen vier Teilen des Landes unter einem Dach zusammenbringen und vereinigen konnte. Diese Revolution hatte unter den KurdInnen in der Türkei [Nordkurdistan] begonnen, jedoch war sie eine für alle Kurden. Das erregte unser Interesse. In Syrien selbst herrschten keine Bedingungen, aus denen heraus dort eine Bewegung entstehen konnte, die eine solche Revolution hätte auslösen können. Aber die Bewegung der PKK breitete sich von der Türkei ausgehend immer weiter aus. Sie erreichte alle vier Teile Kurdistans. Die Persönlichkeit Apos besaß eine große Ausstrahlungskraft.
Diese seine Realität wurde auch in der Bevölkerung wahrgenommen und hinterließ ihre Wirkung. Dadurch organisierte sich die Bevölkerung wie von selbst, auf eine ganz selbstverständliche Weise. Sogar das syrische System musste damals zugeben, dass es ihnen – egal welche Anstrengungen sie auch unternommen hätten – niemals gelungen wäre, diese Bevölkerung so gut zu organisieren. Aber die PKK konnte und kann innerhalb eines Tages oder einer Stunde ganze Bevölkerungsmassen in Bewegung setzen. Sie kann augenblicklich große Versammlungen durchführen und auch wieder auflösen. Abdullah Öcalan hat sich sehr viel und intensiv mit den Menschen in Südwestkurdistan auseinandergesetzt. Er diskutierte mit ihnen darüber, wie stark sie unter den Einfluss des syrischen Regimes geraten waren und wie sehr ihr Wille durch dieses System gebrochen und vereinnahmt wurde. Ähnliche Diskussionen und Analysen führte er auch mit KurdInnen aus den anderen Teilen Kurdistans durch. Aber das syrische System praktiziert noch einmal mehr eine Politik des „weißen Massakers“, indem es den Willen der Menschen bricht und sie einschüchtert. Mithilfe der Bildungsarbeit für die Angehörigen des Kaders und in der Bevölkerung in Syrien wurde neues Vertrauen in der Gesellschaft aufgebaut. Dadurch gewann auch die Bevölkerung in Cizîre ein neues Selbstbewusstsein. Durch die Bildungsarbeit und die Volksorganisierung schlossen sich immer mehr Menschen als KaderInnen der Bewegung an. Mädchen und Jungen gingen gleichermaßen diesen Weg. Für sie bedeutete dies eine Befreiung, aber insbesondere war es eine Befreiung für die Frauen. Und so entschloss auch ich mich dazu. Andere Verwandte von mir hatten zuvor auch schon diese Entscheidung getroffen. Es war mein großer Wunsch, Abdullah Öcalan persönlich zu sehen. Ich wollte seine Persönlichkeit und seine Eigenschaften näher kennenlernen. Ich wollte erfahren, wie er sich mit den KaderInnen auseinandersetzt und sie schult, wie er Zusammenhänge verständlich macht und wie er den Dialog mit Menschen aufbaut. Auch über seine Bücher und seine aufgezeichneten Dialoge mit KaderInnen wusste ich schon einiges, aber ich wollte das alles noch genauer kennenlernen und verstehen. Die Vorstellung, ihn zu treffen, war schon eine große Sache für mich, aber das wirkliche Zusammentreffen war dann noch überwältigender.
Kannst du die Zeit nach deinem Anschluss an die Bewegung, bis du dann im Iran gearbeitet hast, kurz darstellen?
Bis 1995 war ich in der Volksarbeit in Syrien aktiv. Danach kam ich zur Guerilla in die Berge. Hier war ich in Einheiten in unterschiedlichen Gebieten wie z. B. in Zagros, Xakurke, Xinere und Kandil. Bis 2001. Danach kam ich zu einer Ausbildung an die damalige Frauenakademie der PJA [Partei der freien Frau]. Anschließend beteiligte ich mich an den politischen Arbeiten. 2003 ging ich dann zum Ausbau der Volks- und Frauenorganisierung nach Ostkurdistan [iranischer Teil] und in den Iran in unterschiedliche Städte. Ostkurdistan besteht aus einem Gebiet, in dem hauptsächlich Soranî gesprochen wird, und einem anderen Gebiet, in dem hauptsächlich Kurmancî gesprochen wird. Meist war ich im letzteren, bis hin zu Dörfern und Städten an der afghanischen Grenze. Bis 2007 arbeitete ich in den Städten, danach war ich bis zum Sommer 2010 in militärischen Einheiten im Iran aktiv.
Wie sah deine Arbeit im zivilen Bereich aus? Welche Themen waren wichtig? Welche Schwierigkeiten gab es?
In der politischen Arbeit ging es mehr darum, Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen, ihnen die Hintergründe und die Absichten des Systems zu vermitteln. Denn die kurdische Bevölkerung im Iran ist sich dessen kaum bewusst und kennt das System kaum, weil das iranische Regime sich einer sehr verdeckten und hinterlistigen Politik bedient. Deswegen machten wir hauptsächlich dazu Aufklärungsarbeit: Was ist dieses System? Welchen Schaden fügt es den Menschen zu?
Den Frauen hingegen erklärten wir sowohl das iranische als auch das patriarchale System. Denn im Iran werden Frauen sehr brutal unterdrückt. Dieses Regime unterscheidet sich sowohl von denen der anderen Staaten, die Kurdistan besetzt halten, als auch von denen anderer Staaten in der Welt. Gegen Frauen und gegen Jugendliche wendet es eine besondere Politik der Unterdrückung an. Frauen werden vollständig isoliert. Es wird ein besonderer Druck auf Frauen und Jugendliche ausgeübt. In der politischen Arbeit im Iran haben die Freundinnen gegenüber den Genossen einen gewissen Vorteil: Sie können sich unter dem schwarzen Tschador tarnen, weshalb sie nicht so schnell entdeckt und verhaftet werden können. Deshalb waren wir in der Organisierungsarbeit in den Städten Ostkurdistans anteilig mehr Frauen als Männer. Unsere Hauptaufgabe bestand darin, Frauen zu organisieren, sie aufzurütteln und ihr Bewusstsein zu schärfen. Wir haben Bildungsarbeit für Frauen organisiert.
Wie sah diese Arbeit konkret aus? Gab es Vereine, wo ihr die Menschen treffen konntet, oder seid ihr gleich in die Häuser der Familien gegangen?
Die Organisierungsarbeit läuft mehr über Hausbesuche, weil das System keine anderen Möglichkeiten lässt. Wir haben einmal versucht, eine Zeitschrift aufzubauen, aber die wurde gleich von der iranischen Polizei gestürmt und unsere Sachen wurden beschlagnahmt. Sogar Versammlungen müssen wir äußerst geheim organisieren. Denn wenn der Staat davon erfährt, dann werden sowohl unsere Freundinnen verhaftet als auch die Anwesenden aus der Bevölkerung. Auf diese Weise gab es schon häufig Razzien und Verhaftungen und viele der Festgenommenen sitzen immer noch im Gefängnis. Einige von ihnen sind zum Tode verurteilt worden. Auch sonst gibt es viel Repression, und es ist unmöglich, so etwas wie Vereine zu eröffnen. Aber trotzdem gibt es ein System bei der Volksorganisierung. Auch wenn alles sehr geheim ablaufen muss, so gelingt es uns doch, Familien miteinander in Kontakt zu bringen und Versammlungen zu organisieren. Aber wir müssen dabei sehr vorsichtig sein, weil die Bevölkerung sehr große Angst hat. Denn der Staat schleust auch Agenten ein, die alles verraten. Deswegen können wir nur Menschen zusammenbringen, die sich gegenseitig kennen und auch vertrauen. Das System, das den Iran beherrscht, ist – sowohl vonseiten des Staates als auch vonseiten des Mannes – ein sehr gewalttätiges und brutales. Frauen sind aus allen Lebensbereichen ausgeschlossen. Weil sie in politischer, ökonomischer und auch sonstiger Hinsicht aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt worden sind, haben sie auch ein großes Wissensdefizit. Deshalb erleben sie ihre Situation als „ihr Schicksal“. Es ist eine sehr schmerzhafte Situation. Allein sich diese vorzustellen, bereitet schon Schmerzen! Zuhause, in den Familien, spitzt sich das dann manchmal so weit zu, dass Frauen sich selbst ihr Leben nehmen, sich selbst verbrennen. Insbesondere unter den jungen Frauen im Iran – im Alter von 14 bis 35 Jahren – gibt es eine sehr hohe Suizidrate, darunter sowohl unverheiratete Mädchen als auch verheiratete Frauen und Mütter. Neben dem Irak ist insbesondere der Iran ein Land mit sehr vielen Selbsttötungen von Frauen. Jährlich hören allein wir von mehr als 250–300 Fällen. Viele dieser Frauen werden eigentlich vom Ehemann oder vom Vater ermordet, aber die verschleiern es dann als Suizid. Männer nehmen sich das Recht, Frauen zu töten. Sie verdrehen dann diese Tatsache, und der Staat erklärt die Taten der Männer für rechtens und die Frauen zu Schuldigen. Wenn ein Mann eine Frau ermordet, dann fragt der Staat nicht, warum. Das interessiert niemanden und dadurch wird dem Mann Recht gegeben. Er kann sein Verbrechen danach sogar noch als „Selbstmord“ darstellen. Gründe für diese Suizide von Frauen sind, dass Frauen unter diesem unglaublichen Druck ihre Situation als ausweglos erleben. Meistens sind familiäre Schwierigkeiten der Auslöser. Häufig ist das Gewalt vom Vater, Ehemann oder Bruder, oder aber es sind Fälle von Zwangsehen oder Verheiratungen in sehr jungem Alter. Das sind die Hauptgründe, die Frauen dazu treiben, sich selbst zu töten. Trotzdem gibt es eine Frauenbewegung in Ostkurdistan. Der „Verband der Frauen aus Ostkurdistan“ YJRK arbeitet unter kurdischen, persischen, aserbaidschanischen und anderen Gruppen von Frauen und organisiert sie. Allerdings sind die Unterdrückung und die Verfolgung durch das System so stark, dass diese Frauenbewegung kaum Bewegungs- und Aktionsmöglichkeiten hat. In Teheran wollten Frauen z. B. eine Demonstration machen, doch hat das System das verhindert. Viele Frauen wurden verhaftet, brutal zusammengeschlagen, gefoltert. Einige wurden sogar zum Tode verurteilt und hingerichtet, andere sind immer noch in den Gefängnissen. Die politische Unterdrückung lässt der Frauenorganisierung keine Entfaltungsmöglichkeiten.
Das System im Iran ist überaus brutal und hat nichts mit Demokratie zu tun. Es ist sehr konservativ und nur, wenn es um Hinrichtungen geht, dann sind Männer und Frauen gleichberechtigt. Frauen und Männer werden gemeinsam öffentlich vor der versammelten Bevölkerung hingerichtet. Ansonsten gibt es für sie in keinem Bereich Gleichberechtigung. Es gibt eine Doppelmoral. Die unterdrückte Sexualität und Drogen werden gezielt zur Zerstörung der Gesellschaft eingesetzt. Das hat sowohl auf die Jugendlichen als auch auf die Frauen sehr gravierende Auswirkungen. Durch den Angriff auf sie ist die gesamte Gesellschaft den staatlichen Angriffen ausgesetzt. Diese Innenpolitik des Irans ist in der Welt kaum bekannt. Von außen wird er wegen der Produktion von Nuklearwaffen unter Druck gesetzt. Wie sehr jedoch die Bevölkerung unterdrückt wird, wie viel Spannung innerhalb des Irans herrscht, wie viele öffentliche Hinrichtungen stattfinden und wie Frauen zur Prostitution gezwungen werden, das wird alles verschwiegen. Auch die Massenverhaftungen und Folter in den Gefängnissen werden nirgends erwähnt. Feministische und ökologische Bewegungen sollten sich viel mehr mit der Situation von Frauen im Iran auseinandersetzen und die Realität dort untersuchen. Es muss viel mehr über deren Situation, die Unterdrückung und ihren Widerstand berichtet werden. Es reicht nicht aus, das iranische Regime aufgrund außenpolitischer Interessen zu kritisieren. Zwar arbeiten wir als PAJK [Partei der Frauenbefreiung Kurdistans] zu diesem Thema und auch die YJRK führt Kampagnen durch. Aber allein reicht das nicht aus. Es genügt nicht, wenn die Diskussion nur auf kurdischen Sendern wie Roj TV, Newroz TV oder Dengê Mezopotamya ausgestrahlt werden. Auch die Weltöffentlichkeit muss informiert werden und Interesse zeigen. Auf dieser Grundlage sollte der Widerstand gegen das iranische Regime organisiert werden.
Welche Unterschiede siehst du zwischen der Situation von Frauen in Ost- und in Südwestkurdistan?
Es gibt einen Unterschied. Die Frauen in Südwestkurdistan sind etwas offener und können sich freier bewegen. In einigen Bereichen sind sie sogar sehr tonangebend. Ich kann nicht sagen, dass die Frauen dort frei sind, denn auch dort ist die Gesellschaft an sich unterdrückt, und es gibt patriarchale Strukturen. Aber bezüglich der Bewegungsfreiheit gibt es einen großen Unterschied. In Südwestkurdistan können Frauen zum Beispiel an Versammlungen und Konferenzen der Frauenbewegung und der PKK teilnehmen. Dort besteht ein Bewusstsein darüber, wie intensiv sich Apo mit der Frauenbefreiung auseinandergesetzt hat und wie wichtig ihm die Bildungsarbeit von Frauen für Frauen ist. Das hat einen großen Einfluss in der südwestkurdischen Gesellschaft hinterlassen. Aber im Osten sieht das etwas anders aus. Dort spielt die Frau kaum eine Rolle. Wenn du beispielsweise in ein Haus gehst, setzen sich die Frauen nicht zu dir, wenn ihr Mann im Hause ist. Wir sagen, dass die Gesellschaft insgesamt sexistisch ist, aber in Ostkurdistan ist das sehr extrem. In vielen Familien essen Männer und Frauen noch nicht einmal gemeinsam an einem Tisch. Wenn Männer in der Umgebung sind, dann ziehen sich Frauen zurück und bleiben stumm. In vielen Familien sind Frauen wie stumme, reaktionslose Dienerinnen. Zum Teil hat diese Situation vielleicht mit dem niedrigen Bildungsniveau von Frauen zu tun, aber viel entscheidender ist der religiöse Einfluss. Religion wird als Herrschaftsmittel zur vollständigen Kontrolle und zum Ausschluss von Frauen eingesetzt.
In Nordkurdistan gibt es eine starke Organisierung nach dem Modell des Demokratischen Konföderalismus. Welche Aspekte des Demokratischen Konföderalismus spielen in Ostkurdistan eine Rolle bei der Organisierung?
Jede iranische Provinz verfügt über gewisse eigene Entscheidungsbefugnisse. Sowohl in politischer als auch teilweise in militärischer Hinsicht bestehen manche Unterschiede zwischen ihnen, was dem iranischen politischen System teilweise zum Vorteil gereicht. Andererseits gibt es im Unterschied zu den Städten, die sehr viel mehr kontrolliert werden und deren Menschen viel verschlossener sind, in der Bevölkerung in den Dörfern der ländlichen Bergregionen sehr viel mehr Solidarität untereinander. Das sind natürliche Gemeinschaften. Diese Situation in den Bergregionen ist ein Vorteil. Ich habe mich dort viel in den Dörfern bewegt. Der solidarische Zusammenhalt unter den Menschen weist auf eine Gesellschaftsstruktur hin, die ich als „natürliche Gesellschaft“ bezeichnen würde. Zwar gibt es auch dort den Einfluss des Systems, aber im Vergleich zur persischen oder aserbaidschanischen Gesellschaft hat die kurdische immer eine größere Distanz zum Staat gehalten. Weil der nicht viele Eingriffsmöglichkeiten hatte, konnte die Gesellschaft ihre natürliche Form in mancher Hinsicht bewahren. Der Aufbau des Demokratischen Konföderalismus ist aber natürlich auch dort sehr schwer, und es wird mehr Zeit erforderlich sein als in den anderen Teilen Kurdistans. Momentan geht es darum, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen und eine Organisierungsbasis zu schaffen. Wir können nicht sagen, dass diese Basis schon überall existiert, aber langsam fangen wir mit dem Aufbau an, wobei es wichtig ist, dass sich die Bevölkerung noch aktiver an diesem Prozess beteiligt.
Welche Arbeiten stehen aktuell im Iran an?
Das Wichtigste ist die Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung und die Organisierung. Seien es Frauen, Jugendliche oder Männer – wenn sie sich nicht organisieren, kein gemeinsames Bewusstsein und keine Perspektive haben, dann können sie keine Fortschritte machen. Wie gesagt, es gibt große Bildungsdefizite. Doch ist das Wichtigste, bei den Menschen die Suche nach Freiheit zu wecken und sie dazu zu ermutigen, für ihre Rechte zu kämpfen. Heute ist es unsere vorrangige Aufgabe, ein politisches Bewusstsein unter den Menschen aufzubauen und sie handlungsfähig zu machen.
Was ist eine weitere Perspektive aus Frauensicht?
Aus Frauensicht ist das Geschlechterbewusstsein sehr wichtig und damit verbunden der Zusammenhalt unter Frauen. Frauen müssen sich darüber bewusst werden, dass ihre momentane Situation kein Schicksal ist. Sie müssen wissen, dass sie dieses „Schicksal“ ändern können. Aber es reicht nicht aus, sie innerhalb der Familien und der Gesellschaft zu organisieren. Deswegen ist der Anschluss von Frauen an die Guerilla oder die aktive Mitarbeit in der YJRK ein wichtiger Ansatz für gesellschaftliche Veränderungen und die Frauenbefreiung in Ostkurdistan und im Iran.
Gibt es auch andere fortschrittliche Kräfte, die eine Veränderung innerhalb des Irans bewirken können?
Es gibt unterschiedliche Bewegungen, z. B. aserbaidschanische, aber die haben keinen großen Einfluss und viele davon kollaborieren mit dem Staat. Außerdem die beludschische, das ist eine monarchistische, nicht sehr politische Bewegung, agiert aber punktuell gegen das Regime. Dann gibt es AraberInnen im Iran, aber auch wenn sie mit dem Staat nicht zufrieden sind, so gibt es unter ihnen doch keine nennenswerte Organisierung. Unter den PerserInnen gibt es insbesondere die Bewegung der StudentInnen, die gegen das System protestiert. Außerdem oppositionelle Bewegungen im Ausland, die aber keinen großen Einfluss haben. Innerhalb des Landes ist da z. B. Mehdi Karroubi [Ex-Parlamentspräsident und –Präsidentschaftskandidat], seine AnhängerInnen opponieren innerhalb des Systems. Insbesondere unter den Jugendlichen gibt es eine Art „natürliche Opposition“ gegen das System. Sie wollen es überwinden, aber es fehlt ihnen in diesem Prozess an Führungskraft. Gegen oppositionelle Gruppen geht der Staat sehr gewalttätig vor. Unter der kurdischen Bevölkerung ist die PJAK, die „Partei für ein Freies Leben in Kurdistan“, gut organisiert. Des Weiteren gibt es die Komala oder auch die islamischen Mujaheddin, die vom Irak aus organisiert werden. Außerdem die kommunistische Partei des Irans, die Tudeh. Diese zuletzt genannten Organisationen nutzen schwerpunktmäßig den Irak oder Europa als ihre organisatorische Basis. Mit einigen oppositionellen Gruppen hat die PJAK Gespräche geführt. Doch fällt es den meisten von ihnen schwer, sich aus dem Schatten des Iraks zu lösen. Es mangelt ihnen an einer unabhängigen politischen und militärischen Haltung. Sie sind momentan marginalisiert und verfügen nicht über die Kraft, gegen das System zu kämpfen. Das gilt für die Komala wie die KDP-Iran. Die Stärke der PJAK kann daraus entstehen, wenn es ihr gelingt, kurdische, persische, türkische und aserbaidschanische Gesellschaften zusammenzubringen und zu vereinen. Aber das System erzeugt immer wieder bewusst neue Spaltungen, deswegen kommen auch diese Bewegungen nicht zusammen. Das ist auch der Grund für ihre Schwäche. Die PJAK wird vom iranischen System sehr ernst genommen, weil sie im politischen und im militärischen Bereich sehr lebendig und aktiv ist. Die Bevölkerung im Iran vereint sich zunehmend mit dieser Bewegung, das gilt insbesondere für die KurdInnen. Vor dieser Kraft fürchtet sich das iranische Regime.
Wie sieht die Frauenorganisierung in Iran aus? Gibt es auch Kontakte zu anderen Frauenorganisationen und -bewegungen?
Wir können nicht von einer Frauenbewegung sprechen. Aber es gibt Frauengruppen und Intellektuelle oder Frauen, die Widersprüche erleben. Schwerpunktmäßig unter persischen Frauen. Jedoch verhindert das System, dass diese Organisierungsformen sich groß ausbreiten und an Stärke gewinnen können. 2010 haben diese Frauengruppen eine Demonstration zum 8. März organisiert, die vom Staat heftig angegriffen wurde. Wenn Frauen unter sich eine Einheit aufbauen wollen, dann werden sie mit scharfen Repressionen bedroht.
Es hat ziemlich viele Gefechte zwischen der Guerilla (HRK) und dem iranischen Militär gegeben. Inwieweit kann die Guerilla einen Schutz für die Bevölkerung in Ostkurdistan darstellen?
Der Guerillakampf ist ein Mittel zur politischen Veränderung des Systems. Militär und Staat führen äußerst harte Angriffe gegen die Bevölkerung durch. Insbesondere im Grenzgebiet werden immer wieder Menschen ermordet. Weil die Bevölkerung hungrig ist, versucht sie ihr Überleben durch Schmuggelei zu sichern, aber dann werden sie durch den Staat ermordet. Doch auch in den Dörfern werden Häuser überfallen und Menschen ermordet. Wenn bekannt wird, dass jemand mit unserer Bewegung zusammenarbeitet oder uns unterstützt, dann wird diese Person verhaftet, verprügelt oder auch hingerichtet. Bei scharfer Repression oder Hinrichtungen von PJAK-AktivistInnen folgen Vergeltungsaktionen unserer Bewegung. Ein Beispiel hierfür ist die Erschießung eines Richters, der das Todesurteil gefällt hatte. Das gibt der Bevölkerung Kraft und Mut.
Wie müssten Kampagnen gegen Hinrichtungen, z. B. gegen die drohende Hinrichtung von Zeynep Celaliyan, gestaltet werden, um auf den Iran wirklichen politischen Druck ausüben zu können? Wie können die Gefangenen in iranischen Gefängnissen von Europa aus wirksam unterstützt werden?
Wenn Themen die iranische Innenpolitik oder die Situation und Folterungen von Frauen betreffen, dann muss das über Medienarbeit in die Öffentlichkeit getragen werden. Auch Menschenrechtsvereinigungen müssen in Bewegung gesetzt werden. Sowohl Institutionen der EU als auch NGOs und Frauenrechtsorganisationen oder feministische Bewegungen können gemeinsame Kampagnen machen. Feministische Organisationen können in Zusammenarbeit mit der PAJK die Frauenrechtsverletzungen im Iran zur Anklage bringen. Die PAJK kann auch noch weitere Informationen über die Situation von Frauen im Iran zur Verfügung stellen. Auch die Freundinnen, die konkret von der Todesstrafe bedroht sind, wie z. B. Zeynep Celaliyan, müssen unterstützt werden. Şirin Elemmuhoyi ist einfach hingerichtet worden, ohne dass das groß in der internationalen Öffentlichkeit thematisiert wurde. Es gibt noch viele andere gefangene Frauen. Nicht nur aus politischen, sondern auch aus sozialen Gründen werden Frauen verhaftet. Es könnte eine Kampagne zur Unterstützung der gefangenen Frauen und gegen die Folter im Iran begonnen werden mit dazugehörigen Protesten. Sitzblockaden und allen möglichen anderen Aktionsformen. Die Frauenorganisationen und -bewegungen in Europa könnten gemeinsam den Iran anklagen. Es gibt viele Informationen und Bildmaterialien, die wir für eine solche Kampagne zur Verfügung stellen können. Daraus können Dossiers zu den Menschenrechtsverletzungen im Iran angefertigt und auch von außen Druck auf das iranische Regime ausgeübt werden. Der Dialog und der Informationsfluss zwischen der kurdischen Frauenbewegung und den Frauenorganisationen in Europa muss noch verbessert werden. Über die Webseite der PAJK (http://www.pajk-online.com) ist es auch von außen möglich, zu uns Kontakt aufzunehmen.
Möchtest du am Schluss noch etwas ergänzen?
Mein Eindruck ist, dass die Frauenorganisationen in Europa noch enger auf kollektive Weise zusammenarbeiten müssen und mit anderen Frauenbewegungen auf der Welt im Dialog stehen sollten. Wir fühlen die gleichen Schmerzen und wenn irgendwo Frauenrechte verletzt werden, dann müssen wir alle aktiv werden. Würden die Frauenbewegungen in Europa die Probleme von Frauen aus der gesamten Welt noch häufiger auf ihre Tagesordnung setzen, dann wären sie auch eher in der Lage, die Probleme ihrer eigenen Gesellschaft zu lösen. Die Frauenfrage kann nicht losgelöst von anderen gesellschaftlichen Fragen behandelt werden.






